Was ist Speziesismus?

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Unsere Gesellschaft kämpft fleißig gegen Rassismus und Sexismus – aber auch Speziesismus ist ein Problem, das wir angehen sollten. Was es damit auf sich hat, erfährst du hier.

Weißt du, was diskriminierend ist? Wahrscheinlich fallen dir jetzt eine Million Beispiele ein: der Schwarze, der nicht in die Disco gelassen wird, oder die Frau, die weniger verdient als ihre männlichen Kollegen. Im Grunde ist es immer gleich: Das Prinzip der Gleichheit wird verletzt.

Neben Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung gibt es eine, die kaum jemand auf dem Schirm hat: Speziesismus. Diese Form bezeichnet die Annahme, dass Menschen jeder anderen Spezies überlegen sind, woraus resultiert, dass sie Wesen anderer Arten nach ihren Vorstellungen behandeln dürfen.

Was ist moralisch relevant?

Wenn man sagt, dass bei einer Diskriminierung das Prinzip der Gleichheit verletzt wird, muss man zuerst festlegen, worin diese Gleichheit besteht. Dass Mensch und Tier in vielerlei Hinsicht unterschiedlich sind, ist jedem klar. Wir gehören ganz offensichtlich einer anderen Art an als Hunde, Kühe oder was auch immer. Wie aber kommen wir darauf, dass die Artzugehörigkeit darüber entscheidet, welche Rechte ein Wesen hat? Eine moralische Entscheidung wie die, ob wir uns andere Wesen unterordnen dürfen, sollten wir nach nur einem einzigen Aspekt fällen: dem moralischen.

Nun stellt sich also die Frage, wer in moralischer Hinsicht als gleich gilt. Die Antwort hängt davon ab, welche Merkmale moralisch relevant sind. Zumindest in der westlichen Welt spielt es für die moralische Bewertung zum Beispiel keine Rolle, welches Geschlecht jemand hat. Ob man eine Frau oder einen Mann ungerecht behandelt – beides ist in gleichem Maße moralisch falsch.

Die einzig wichtige Frage ist die nach der Leidensfähigkeit

Antispeziesisten (also solche, die gegen Speziesismus sind) betrachten als einzige moralisch relevante Eigenschaft die Leidensfähigkeit. Alle Wesen mit der gleichen Fähigkeit zu empfinden sind ihrer Meinung nach in moralischer Hinsicht gleich. Dabei ist es egal, welcher Art sie angehören oder welche Fähigkeiten sie sonst noch haben.

Empfindungsfähige Wesen allein wegen ihrer Art als niedriger einzustufen, ist also diskriminierend – genauso wie die Beurteilung aufgrund der Religion, Hautfarbe oder des Geschlechts. In moralischer Hinsicht sind wir alle gleich. Wir haben Schmerzen, Bedürfnisse, Gefühle usw. Nur weil ein Lebewesen einer anderen Art angehört, sind seine Gefühle und Bedürfnisse nicht weniger wert.

Speziesismus überall: die Ausbeutung der Tiere

Da wir Menschen genau das aber ständig und in großem Ausmaß tun, kann man von einer speziesistischen Gesellschaft sprechen. Wie wir Tiere für die Lebensmittelproduktion, zu Unterhaltungszwecken, in der Bekleidungsindustrie, in Tierversuchen und oftmals als Haustiere behandeln, ist moralisch falsch – zumindest für jeden, der die eigene Artzugehörigkeit nicht als Rechtfertigung für diese enorme Ungerechtigkeit benutzt.

Wann immer Menschen die Bedürfnisse von Tieren missachten und sie für ihre eigenen Zwecke nutzen, ist also Speziesismus im Spiel. Wir Menschen fühlen uns oftmals gar nicht der Gruppe der Tiere zugehörig. Vielmehr sehen wir uns als höhere Art, deren Bedürfnisse mehr Gewicht haben. Wir denken, wir hätten das Recht, andere Arten auszunutzen – einfach nur weil wir Menschen sind.

Aber auch die Einteilung in Nutztiere und Haustiere ist speziesistisch. Dass wir Schweine essen und Hunde als Freunde ansehen, entscheiden wir ausschließlich nach der Artzugehörigkeit. Benachteiligungen aufgrund der Art haben jedoch keine moralische Grundlage.

Wer den Begriff Speziesismus prägte

Der britische Psychologe Richard Ryder war der erste, der den Begriff Speziesismus benutzte. Er drückte 1970 damit den anthropozentrischen Spezieszentrismus oder -egoismus aus.

Peter Singer, ein australischer Philosoph, den ich übrigens sehr bewundere, übernahm den Begriff. Er will Menschen dazu bringen, ihr Verhältnis zu artfremden Lebewesen zu überdenken und hat darüber ein wichtiges Werk veröffentlicht, von dem wohl jeder Tierschützer schon gehört hat: Die Befreiung der Tiere.

In seinem anderen großen Werk namens Praktische Ethik beschreibt er das Prinzip des Speziesismus so:

Rassisten verletzen das Prinzip der Gleichheit, indem sie bei einer Kollision ihrer eigenen Interessen mit denen einer anderen Rasse den Interessen von Mitgliedern ihrer eigenen Rasse größeres Gewicht beimessen. (…) Ähnlich messen jene, die ich Speziesisten nennen möchte, da, wo es zu einer Kollision ihrer Interessen mit denen von Angehörigen einer anderen Spezies kommt, den Interessen der eigenen Spezies größeres Gewicht bei. Menschliche Speziesisten erkennen nicht an, dass der Schmerz, den Schweine oder Mäuse verspüren, ebenso schlimm ist wie der von Menschen verspürte.*

Für Peter Singer gilt also Folgendes: Ist ein Lebewesen fähig, Leid zu empfinden, muss es moralisch berücksichtigt werden. Die Anerkennung eines moralischen Status nur wegen rationaler Fähigkeiten reicht ihm nicht aus.

Speziesismus in der Kritik

Natürlich gibt es Kritik an Singers Ansatz. Zum Beispiel wird oft betont, bei uns Menschen gäbe es eine Gleichheit, die mehr umfasst als die gleiche Fähigkeit zu leiden, weshalb wir tatsächlich eine moralische Sonderstellung genießen: nämlich zusätzlich die Fähigkeit, moralisch zu handeln. In einfacheren Worten: Tiere haben keine Vorstellung von Moral, aber wir Menschen schon. Damit lässt sich wunderbar rechtfertigen, dass menschliche Interessen wichtiger sind als die von nichtmenschlichen Wesen.

Ich persönlich finde Peter Singers Ausführung aber sehr einleuchtend und richtig. Wenn der moralische Status nicht nur für die Spezies Mensch gelten würde, wäre die Welt mit absoluter Sicherheit ein besserer Ort. Da die allermeisten Menschen sich und ihre Bedürfnisse aber immer noch über die von anderen stellen, gilt der moralische Status für einen Großteil aller Lebewesen nicht. Würde ausschließlich die Empfindungsfähigkeit berücksichtigt, wären alle inbegriffen, die es verdienen.

Leid ist Leid – ob man darüber nachdenkt oder nicht

Die Schmerzen eines Wesens sind nicht weniger schlimm, nur weil es keine Sprache hat, weniger intelligent ist oder nicht auf zwei Beinen geht. Übrigens tun das Babys oder Menschen im Koma auch nicht. Trotzdem behandeln wir sie nicht so, wie wir es mit Tieren tun. Dazu passend fällt mir ein Zitat des Philosophen Jeremy Bentham ein, mit dem ich dieses schwierige und doch so einfache Thema beenden möchte:

Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des  Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindendes Wesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht Können sie denken? oder Können sie reden?, sondern Können sie leiden?

*Singer, Peter: Praktische Ethik (Practical ethics. 1993). 2. revidierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Reclam, 85 f.

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