Gastbeitrag: Schoßhühnchen – was ich von meinen Zwerghühnern lernte

Zwerghühner halten

Früher dachte ich, dass nur Hunde und Katzen eine starke Bindung zu Menschen aufbauen könnten. Die meisten von uns wachsen mit der Vorstellung auf, dass Tiere in Haustiere und Nutztiere gegliedert sind. In diesem Artikel erzähle ich, wie es war, eigene Zwerghühner zu halten und wie sie meine Sichtweise auf alle Tiere grundlegend veränderten.

Rettungsaktion in der Nacht

Obwohl ich wenig über sie wusste, fand ich Hühner schon seit Langem interessant. Der Auslöser dafür war eine Nacht, in der ich als Kind ein fremdes Huhn vor einem Marder rettete. Ich erinnere mich genau, wie ich in meinem Bett lag und plötzlich das aufgeregte Gackern hörte, das von draußen zu mir hereindrang. Ich schaute aus dem Fenster und sah die verängstigte Henne auf der Straße kauern, der Marder an sie heranschleichend.

Sofort rannte ich im Schlafanzug aus dem Haus und verjagte den Marder – gerade noch rechtzeitig. Als ich die Henne dann auf den Arm nahm, strich ich ihr sanft über die Federn, um sie zu beruhigen. Sie schloss ihre Augen und gurrte leise. In dieser Nacht ließ ich sie neben mir in einer Kiste auf einer Decke schlafen. Am nächsten Morgen brachte ich sie zu einem Bauernhof unweit meines Zuhauses, von wo sie offensichtlich weggelaufen war. Von diesem Augenblick an hatten Hühner meine Neugier geweckt.

Der Traum von eigenen Hühnern

Als ich 13 Jahre alt war, kümmerte ich mich zeitweise um die Hühner meines Nachbarn. Mir machte es Spaß, sie zu umsorgen und zu beobachten: Sie pflegten ihre Rangordnung, gackerten laut, wenn sie Eier legten, und schliefen aneinander gekuschelt auf der Stange. Der Wunsch nach meiner eigenen Hühnerhaltung wuchs.

Meine Eltern sahen, wie verantwortungsbewusst ich mich um die Hühner kümmerte. Und so trafen wir eine Vereinbarung: Wenn ich einen Platz finden würde, dürfte ich eigene Zwerghühner halten.

Ich sprach mit meinem Nachbarn, der genügend Platz auf seinem Bauernhof hatte. Er stellte mir ein Außengehege direkt in der Nähe unseres Hauses zur Verfügung. Dort hatten meine zukünftigen Hühner eine große Grünfläche mit Sträuchern und viele sandige Stellen zum Staubbaden.

Im Alter von 14 Jahren war es soweit. Noch heute mit 20 erinnere ich mich genau, wie aufgeregt ich war, meine ersten Hühner abzuholen. Zuvor hatte ich mich viel über die Hühnerhaltung erkundigt, einen Kleintierstall im Internet gefunden sowie Futter gekauft und entschieden, dass ich Zwerghühner halten wollte. Ich fand eine nette Züchterin in Brandenburg, die Zwergseidenhühner züchtete. Zwergseidenhühner gelten generell als pflegeleicht und robust, daher fand ich sie als Ersthühner ideal.

Zwei Tage später fuhren meine Mutter und ich hin und sahen uns die etwa fünf Wochen alten Küken an. Die Entscheidung fiel auf ein plüschiges schwarzes, ein beiges und ein graues Küken. Die Geschlechter konnte man noch nicht erkennen, aber ich hoffte, dass es zwei Hennen und ein Hahn sein würden.

Meine Zwerghühner bekommen Familienzuwachs

Schnell lebten sie sich in ihrem neuen Gehege ein. Nachts kuschelten sie sich im Stroh zusammen, tagsüber erkundigten sie piepsend die Umgebung. Jeden Morgen stand ich voller Vorfreude früher als sonst auf, um sie noch vor der Schule zu versorgen. Mit der Zeit wuchsen sie zu gesunden Hühnern heran. Es war, wie ich es mir vorgestellt hatte: Das beige und das schwarze waren Hennen, das graue ein Hahn.

Nach etwa einem halben Jahr wurde meine beige Henne Felicia zu einer Glucke: Sie wollte also brüten. Zum Glück hatte mein Nachbar einen größeren Stall frei, in den meine Hühner ziehen durften. Der Stall war direkt am Außengehege und sehr groß für drei Hühner. Also kaufte ich mir bei einer anderen Hühnerzüchterin die Eier von holländischen Zwerghühnern. Die Rasse gilt ebenfalls als sehr pflegeleicht und gesellig. Ein weiterer Vorteil war: Ich konnte Felicia den Wunsch nach eigenen Küken erfüllen, indem ich ihr die Eier unterschob.

Ich fand es spannend, die Eier jede Woche mit einer Taschenlampe zu durchleuchten und zu beobachten, wie Leben darin heranwuchs. Zuerst war es nur ein schwarzer Punkt mit Adern, später ein richtiger Embryo. Am 21. Tag konnte ich vor Nervosität kaum stillsitzen. Zartes Piepsen erfüllte den Stall, als ich ihn nach der Schule betrat. Unter Felicias Federn schauten sechs braun-schwarz gestreifte Köpfe hervor.

Ab diesem Tag verbrachte ich täglich noch mehr Stunden im Stall. Ich beobachtete, wie Felicia mit aufgeplustertem Fell über ihre Küken wachte, sie bei gefundenen Insekten rief und mit ihrem Federkleid wärmte. Die Küken waren, wie alle Kinder sind: verspielt, neugierig und laut. Von Anfang an war ich ihnen vertraut. Da sie sich früh an mich gewöhnten, sprangen sie auf meine Beine oder auf meine Arme. Sie ließen sich streicheln und machten es sich auf meinem Schoß bequem, während ich sie am Bauch kraulte. Die Bindung, die wir zueinander aufbauten, veränderte sich auch nicht, als sie älter wurden.

Jeder von ihnen hatte seinen individuellen Charakter, an dem ich sie unterscheiden konnte. Meine holländische Zwerghenne Daisy versuchte stets zu entwischen, wenn ich den Stall betrat, Peach war sehr anhänglich und versteckte ihre Eier immer an den ungewöhnlichsten Orten. Dann gab es noch Cupper, der auf meine Schulter sprang, sobald ich mich umdrehte. Meinen holländischen Zwerghahn Cup brachte ich Tricks wie „Dreh dich“ und „Hopp“ bei.

Zwerghühner halten Tierschutz
Zwerghühner halten

Höhen und Tiefen der Hühnerhaltung

Meine Hühner trauerten, als eines Tages eine meiner holländischen Zwerghennen von einem Tier geholt wurde. Das komische Gefühl, als ich das Gehege betrat, werde ich nie vergessen. Zehn Hühner rannten mir entgegen, doch das elfte fehlte. Als ich das Gehege nach ihm absuchte, bemerkte ich einen Haufen Federn an einer Stelle. Vermutlich war es ein Habicht, der sich die zarte Henne geschnappt hatte. An diesem Tag verhielten sich meine Hühner sehr ängstlich und ruhiger als sonst. Es war ein sehr schwerer Tag für sie und auch für mich, doch zum Glück blieb es bei diesem einen Habicht-Angriff.

In den nächsten Jahren gab es weitere Höhen und Tiefen. Zum Beispiel musste ich bis auf den Zwergseidenhahn alle meine Hähne abgeben, da sie sich andauernd bekämpften. Später verstarb mein Zwergseidenhahn aus unerklärlichen Gründen, und zwei meiner holländischen Zwerghähne wurden im neuen Zuhause von einem Fuchs geholt. Solche Verluste tun weh.

Eine meiner holländischen Zwerghennen durfte wie zuvor Felicia auch brüten, als sie zur Glucke wurde. Ihr schob ich drei Eier von federfüßigen Zwerghühnern unter. Auch diese Küken wurden sehr zutraulich.

Zu meinem großen Bedauern musste ich die Hühnerhaltung Mitte 2016 nach nur zweieinhalb Jahren aufgeben und meine gefiederten Freunde abgeben, da mein Nachbar den Platz für andere Tiere benötigte. Der Platz im eigenen Garten war zu klein, um Zwerghühner halten zu können.

Glücklicherweise fand ich für alle ein liebevolles Zuhause bei einer jungen Frau in meinem Bekanntenkreis. Dort kann ich sie hin und wieder besuchen. Jedes Mal kommen sie auf mich zugelaufen, als würden sie mich erkennen – und vielleicht tun sie das ja. Trotz der viel zu kurzen Zeit bin ich dankbar für all die schönen Momente und Erfahrungen, die ich in der Hühnerhaltung sammeln durfte.

Wie Hühner meine Perspektive veränderten

Wenn meine Zwerghühner mich am Eingang des Geheges begrüßten und sich dann auf meinen Schoß kuschelten, begann ich, viele Dinge zu hinterfragen. Mir war bewusst, wie andere Hühner für die Fleisch- und Eierindustrie leiden. Es brach mir das Herz, daran zu denken, da ich meine eigenen Hühner so ins Herz geschlossen hatte. Die meisten Menschen in meinem Umfeld sahen diese Lebensfreude und Liebe in ihnen nicht.

Durch den engen Kontakt erkannte ich, dass auch sogenannte Nutztiere sehr individuell sind. Man kann eine starke Bindung zu ihnen aufbauen – vorausgesetzt, sie werden mit Liebe und Respekt behandelt. Viele Menschen haben keinen Bezug zu diesen Tieren, vermutlich weil der Kontakt fehlt. Sie würden sich wundern, was für tolle Persönlichkeiten in ihnen stecken.

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Vegetarier. Heute bin ich es immer noch, doch ich achte sehr darauf, wo die Eier, die ich kaufe, herkommen und wie die Hühner dort leben. Darum verzichte ich auf Produkte mit Ei aus dem Supermarkt und kaufe Eier ausschließlich von einem Hof in der Nähe, bei dem die Tiere auf einer Wiese leben.

Jedes Leben ist wertvoll

Meiner Meinung nach verdient es kein Tier, wie eine Maschine behandelt zu werden. Hilflose Küken zu schreddern, weil sie keine Eier legen, und Hühner so zu züchten, dass sie ihren eigenen Körper kaum mehr tragen können – das ist in meinen Augen grausam und möchte ich nicht unterstützen. Viel wichtiger ist es für mich, in die Welt hinauszutragen, wie toll alle Tiere – auch Hühner – sind und dass sie es verdienen, respektiert und geschützt zu werden.

Gastautorin: Mikayla

Ich schreibe in meiner Freizeit viel und engagiere mich für den Tierschutz. Seit sieben Jahren lebe ich vegetarisch. Mein Wunsch: Menschen dazu zu bewegen, ihre Sichtweise auf Tiere zu überdenken.

 

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