Wie es ist, Schweine kurz vor ihrer Schlachtung zu sehen

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Als langjährige Vegetarierin weiß ich, dass die Fleischindustrie Tierleid verursacht. Mit eigenen Augen davon überzeugt hatte ich mich jedoch nie. Zeit, das zu ändern! Wie es war, Schweine kurz vor ihrer Schlachtung zu sehen.

Fragt man einen Menschen, ob er ein Tierfreund ist, sagt er in den meisten Fällen ja. Fast jeder mag Hunde, Katzen oder Pferde, freut sich über Singvögel im Wald und exotische Wildtiere im Zoo. Und trotzdem gibt es eine Gruppe von Tieren, für die eigene Regeln gelten: Nutztiere.

Mit Nutztieren wird so umgegangen, wie die allerwenigsten Menschen ihr Haustier behandeln würden. Immer wieder berichten die Medien von Missständen in Mastbetrieben und Schlachtereien, von umgekippten Transportern und verletzten Tieren. Schon bei der Vorstellung, eine Katze müsste diese Dinge erleiden, wird mein Herz ganz schwer. Aber Schweine sind anders, oder? Die sind robust, denen macht das nichts aus, oder doch?

Die Save-Bewegung macht Tierleid sichtbar

Ich wollte mit eigenen Augen sehen, in welchem Zustand die Tiere sind, wenn sie am Schlachthof ankommen. Aus diesem Grund schloss ich mich einer Gruppe der Bewegung The Save Movement an, die alle zwei Wochen eine Demo vor dem Tönnies-Schlachthof in Weißenfels veranstaltet.

Um 16 Uhr sollte die Demo beginnen – den ganzen Vormittag und Mittag war ich nervös. Schon auf der Autofahrt sah ich einen Truck mit Schweinen darin. Ein dicker Kloß im Hals bildete sich, als ich ihm einfach hinterherfuhr, weil er dasselbe Ziel hatte wie ich. Als ich vor dem Schlachthof ankam, hörte es gerade auf zu regnen. Das Wetter war trüb und meine Stimmung auch. Die einschüchternden Tönnies-Gebäude und die Lkws mit aufgedruckten lachenden Schweinen auf dem Parkplatz taten ihr Übriges.

Da Tönnies in der Vergangenheit schon Lkws umgeleitet hatte, um Fotos und Berichte der Aktivisten zu vermeiden, war die Demo dieses Mal an beiden Eingängen angemeldet. Und tatsächlich hatten wir sehr schnell Glück und der erste Truck kam angerollt. Die Aufschrift „Schnitzel-Express“ über dem Fahrerhaus und das rosa Stoffschwein hinter der Windschutzscheibe wirkten auf mich wie blanker Hohn.

Auf Augenhöhe mit den Schweinen

Einer der Polizisten, die die Demo begleiteten, sprach mit dem Fahrer und gab uns dann ein Signal. Schnell legten wir – etwa 25 andere und ich – die selbst beschrifteten Plakate weg und überquerten die Straße. Angespannt ging ich auf das Getrappel und Gekrunze im Inneren des Trucks zu. Und dann fielen meine Emotionen überhaupt nicht so negativ aus, wie ich erwartet hatte.

Gerechnet hatte ich mit allem, vom Weinen bis zum Wutausbruch. Stattdessen: Freude. Klingt erst einmal merkwürdig, aber genauso war es. Sobald Tiere in meiner Nähe sind, hüpft mein Herz – und es hüpfte sogar in der Nähe dieser armen eingesperrten Tiere. Außerdem war ich Schweinen zuvor noch nie so nahegekommen (Ausnahme: Hängebauchschweine). Ich freute mich also sehr, endlich mit ihnen in Kontakt zu treten. Auch wenn ich mir diesen Kontakt in einem anderen Rahmen gewünscht hätte.

Manche der Schweine schienen es ebenfalls zu mögen, freundliche Gesichter zu sehen. Sie steckten neugierig ihre Rüssel durch die Gitterstäbe und beschnupperten unsere Hände. Mit offenem Blick schauten sie uns an und lauschten den liebevoll geflüsterten Worten.

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Schweine: friedliche und soziale Tiere

Ich bin – Wochen danach – immer noch erstaunt darüber, wie ruhig es in den Transportern zuging. Es war stiller, als ich es für möglich gehalten hätte. Hunderte von Lebewesen eingepfercht in einem trostlosen Lkw – ich hatte definitiv mit mehr Aufruhr und einem höheren Lärmpegel gerechnet. Diese Schweine jedoch strahlten etwas fast schon Friedliches aus und wirkten kein bisschen aggressiv oder aufgewühlt.

Vielleicht lag es daran, dass Schweine von Natur aus sehr freundliche Wesen sind. Sie sind überaus intelligent und sozial. In dieser Situation lag es aber wahrscheinlich daran, dass viele der Tiere apathisch auf dem harten Boden lagen, zum Teil mit geschlossenen Augen, zum Teil teilnahmslos in die Gegend starrend.

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Ich kenne das Naturell von Schweinen nur aus Berichten, nicht aus eigener Erfahrung. Aber ich sah ihnen an: Sie sind abgekämpft und müde. Sie sind verzweifelt, weil sie ihre Instinkte nicht ausleben können. Sie sind hungrig, weil ihnen Futter verwehrt wird, damit ihr Darm bei der Schlachtung leer ist. Sie haben Schmerzen von den vielen blutigen Striemen, die ihre Körper übersäen. Und wahrscheinlich haben sie Sehnsucht, wenn sie aus dem Truck über die Straße auf die grüne Wiese neben dem Schlachthof blicken.

Hinschauen statt wegblicken

Nach zwei Minuten setzte der Fahrer seinen Weg fort und die Schweine passierten die Schranke zum Schlachthofgelände. Der Kloß in meinem Hals wurde unerträglich groß. Vorbei war die Freude, eine neue Spezies kennengelernt zu haben. In ein paar Stunden würden alle Tiere erneut in Lkws gepackt ihren Weg antreten – diesmal als Lebensmittel.

Noch zwei weitere Fahrer gaben uns wenige Minuten Zeit mit ihrer Fracht, den Schweinen. Die restliche Zeit der angemeldeten drei Stunden vertrieb ich mir mit dem Austausch mit den anderen Aktivisten. Zu spüren, dass andere dieselben Gefühle, Gedanken und Ideale haben wie ich selbst, gab der Veranstaltung trotz des traurigen Anlasses einen sehr positiven Rahmen.

Zurück zu Hause, als ich Zeit und Ruhe hatte, alle Eindrücke zu verarbeiten, kamen sie – das Weinen und der Wutausbruch. Ich wusste vorher, was mich erwartet, ich wusste, dass die Tiere in keinem guten Zustand sein würden, und ich weiß auch, dass es im Inneren des Schlachthofes nicht gut für sie weiterging. Einen Teil ihres Schicksals mit eigenen Augen zu sehen und sie auf ihrem Weg ein winziges Stück zu begleiten, ist aber eine ganz andere Geschichte. Stundenlang hing ich trauernd herum, immer mit dem Gedanken im Kopf: Vielleicht ist genau jetzt das eine Schwein dran, mit dem ich vorhin noch geredet habe.

Jedes Stück Fleisch hat eine Geschichte

In Wahrheit ist es aber so, dass ich mir das in jeder Sekunde denken kann. Jedes Tier ist einzigartig und hätte mein Herz berührt, wenn ich es gesehen hätte. Allein bei Tönnies in Weißenfels werden täglich 15.000 Schweine geschlachtet.

Mittlerweile habe ich mich gefangen und möchte nicht mehr jeden Menschen anbrüllen, der sich ein Schnitzel schmecken lässt. Was ich aber möchte: ihm von meinem Erlebnis erzählen. Es gibt immer noch Millionen Menschen da draußen, die nichts über die Vorgeschichte ihrer Mahlzeit wissen. Dabei hatte jedes Tier, das als Mahlzeit endet, ein Gesicht, einen Charakter und Bedürfnisse. Was es leider nicht hatte, ist die Möglichkeit, seinen Charakter auszuleben sowie genug Raum, Zeit und Freiheit, um seine Bedürfnisse zu erfüllen.

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